„Der Hundertjährige Krieg um Palästina“ – Buch von Rashid Khalidi

Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand

Das Israel-Bild in der deutschen Gesellschaft, von der Holocaust-Aufarbeitung der Nachkriegszeit bis zur aktuellen Kulmination in Form der „Staatsräson“ ist allenfalls als „unvollständig“ zu bezeichnen. Dies gilt ebenso für die Geschichte Palästinas, die erst mit dem 7. Oktober 2023 wieder bruchstückhaft in unser öffentliches Bewusstsein rückt.

„Der Hundertjährige Krieg um Palästina“ kann mit Fug und Recht als eines der wichtigen Standardwerke bezeichnet werden, welches in der Lage ist, diese Lücke zu schließen. Der Autor Rashid Khalidi hat palästinensische Wurzeln und ist emeritierter Professor an der amerikanischen Columbia University.

Eigentlich müsste das Buch „Der Hundertjährige Krieg gegen Palästina“ lauten –
entsprechend dem englischen Original „The Hundred Years´ War on Palestine“. So ist das Buch in sechs „Kriegserklärungen“ unterteilt, die die systematische Zerstörung, Entrechtung und Entwürdigung des palästinensischen Volkes schrittweise bis heute beschreiben. Die erste beginnt 1917 mit der Balfour-Deklaration, die zweite 1947 mit der „Nakba“ (arabisch: „Katastrophe“) und der Staatsgründung Israels. Die dritte „Kriegserklärung“ behandelt den Sechs-Tage-Krieg von 1967, und die vierte beginnt 1982 mit den Massakern im Libanon. Das fünfte Kapitel eröffnet mit der „Ersten Intifada“ 1987; das sechste mit der „Zweiten Intifada“ 2000 und leitet mit der Beschreibung der zahlreichen Gaza-Kriege zur aktuellen Situation über.

Was dieses Buch jedoch so besonders macht, ist die tiefe biografische Verwurzelung der Khalidi-Familie und ihres gesellschaftlichen Umfeldes in Palästina. So laufen hier durchgängig zwei Stränge parallel: Die biografischen Schilderungen der Schicksale der großen Khalidi-Familie und die der politischen, kulturellen und historischen Entwicklungen. So war etwa der Onkel von Rashid Khalidi Bürgermeister von Jerusalem und unterhielt mit Theodor Herzl, dem Verfasser des zionistischen Manifests „Der Judenstaat“ schriftlich Korrespondenz.

Die Verknüpfung von biographischen und historischen Gegebenheiten verleihen dem Buch eine starke Bildhaftigkeit und machen die dynamische, lebhaft-pulsierende Lebensweise Palästinas in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts plastisch erlebbar. Dies wirkt sich – als positive „Nebenwirkung“ – angenehm auf den Lesefluss aus.

Wie in der Einleitung oben schon angedeutet wurde, setzt dieses Buch den gängigen Narrativen und Vorurteilen und der unzureichenden historischen Aufarbeitung eine profunde palästinensische Perspektive entgegen, die sich nicht scheut, die zionistische Bewegung in ihrer Gesamtheit grundsätzlich zu hinterfragen.

Text von Johannes Waehneldt

Infos zum Buch:
Der Hundertjährige Krieg um Palästina
Rhashid Khalidi
Unionsverlag Zürich 2024
ISBN 978-3-293-61122-1


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